Das ISM verschickt monatlich einen Rundbrief. Der enthält unsere aktuellen Seminar-Termine sowie Gedanken und Erfahrungen aus der Aufstellungsarbeit, manchmal auch einen kurzen Text von Bert Hellinger. Wer diesen Rundbrief zugeschickt bekommen möchte, möge uns seine E-Mail- oder Post-Adresse mitteilen.


Rundbrief Familienstellen 03 2017

Neulich kam in einer Aufstellung folgendes vor: Eine Person lag auf dem Rücken am Boden.
Sie hatte die Augen offen, verrenkte den Körper, insbesondere die Hände und grinste dabei.
Es wirkte etwas gefährlich, tückisch. Die Stellvertreterin selbst sagte dazu, sie komme sich vor, wie ein behindertes Kind. Ein anderer Stellvertreter trat auf dieses Kind zu und richtete eine Hand gegen den Hals des Kindes, als wolle er es erwürgen. Dann war das Kind tot. Der Stell­vertreter des Täters sagte, es sei, als habe eine fremde Kraft ihn gezwungen, das zu tun. Gleich­wohl fühle er sich völlig verantwortlich.

Nach der Aufstellung sagte die Vertreterin des Kindes, auch sie habe „etwas Diabolisches“ ge­habt. Außerdem war ihr, als hätte sie mit dem Mann genau diese Konstellation von Täter und Opfer schon in mehreren Leben durchlebt. Daraufhin hatte der Aufstellungsleiter die Idee, die Seelen der beiden im Totenreich einander gegenüber zu stellen. Vielleicht wäre es ihnen ja auf dieser höheren Ebene möglich, diese Wiederholung wechselseitiger Gewalttaten zu unter­brechen. Die beiden standen nun einander gegenüber, fühlten sich aber völlig hilflos und nicht fähig, irgendetwas zu bewirken oder zu verändern.

Der Anleiter stellte nun noch einen Stellvertreter von Christus hinzu. Der schaute erst beide an, dann legte er jedem eine Hand erst auf den Kopf, dann auf das Herz. Danach wandten die beiden sich einander zu und fanden sich sehr erleichtert, wie erlöst. Am nächsten Tag las ich in einem Vortrag von Rudolf Steiner und fand dabei folgende Sätze:

„Während des physischen Daseins können wir Veränderungen in uns vorgehen lassen, nicht aber zwischen Tod und neuer Geburt. Ein physisch Toter kann im geistigen Dasein auf die anderen physisch Toten nicht im Sinne einer Veränderung ihres Lebens einwirken. Aber der Lebende hat die Möglichkeit, eine Wirkung auf den Dahingegangenen auszuüben. Wie kommen wir dem Toten helfend entgegen? Dazu müssen wir durch ein geistiges Band mit ihm verbunden sein. Solche Freundesdienste haben immer eine gute Wirkung.“

Das ist nicht ganz leicht zu verstehen. Nehmen wir den Satz „Ein physisch Toter kann im geistigen Dasein auf die anderen physisch Toten nicht im Sinne einer Veränderung ihres Lebens einwirken.“ Das geistige Dasein meint unser Dasein in der geistigen Welt, wohin unser Geist, unsere Seele wechselt, wenn der Körper abgestorben ist, und von wo aus er dereinst wieder in ein weiteres Erdenleben wechselt – weshalb Marko Pogačnik diese geistige Welt betont „das Reich der Ahnen und der Nachkom­men“ nennt.

Ein Toter ist also nur ein Toter im Sinne des körperlichen Erdendaseins. Danach geht das Leben weiter, anders weiter. Auch das Leben des Einzelnen geht in der geistigen Welt weiter, ohne den irdischen Körper. Später folgt ein weiteres Erdenleben, wenn ein neugeborener Körper beseelt wird. Über das Leben der Toten, wenn es man so nennen darf, weiß ich wenig. Auf irgendeine Weise verarbeiten wir dort wohl unsere Erfahrungen aus dem letzten Erdenleben und bereiten das nächste vor.

Durch das, was wir tun oder erleiden, sammeln wir Karma an. Das ist die Summe unserer weisen oder dummen, liebevollen oder lieb­losen Erfahrungen und Handlungen. Dieses Karma fließt in die Lebensaufgaben mit ein, mit denen die Seele später erneut geboren wird. Das Karma ist wie das Zeugnis am Ende eines Abschnitts in der Schule, das etwas darüber mitteilt, wie es mit dem Schüler nach den Ferien weiter gehen wird.

Steiner sagt nun in diesem Vortrag: „Wir sind dem Karma unterworfen, nachdem wir in die geistige Welt eingetreten sind. Der Augenblick der Umgestaltung dieses Karma tritt erst in einem neuen Leben ein.“ Hier macht Steiner eine Unterscheidung, die mir völlig neu war.
Greifen wir noch mal den ersten Satz aus dem Zitat auf: „Während des physischen Daseins können wir Veränderungen in uns vorgehen lassen, nicht aber zwischen Tod und neuer Geburt.“ Veränderungen, das wird jetzt deutlich, meint „Umgestaltung des Karma“, geistige Weiterent­wicklung. Solche Lernschritte, betont Steiner hier, geschehen nur im Erdenleben. Im Reich der Toten und der Nachkommen ist Entwicklung in diesem Sinne eher nicht möglich.

Eindeutig sagt Steiner jedenfalls, dass ein Toter einem anderen Toten in der geistigen Welt bei seiner geistigen Entwicklung nicht weiterhelfen kann: „Ein physisch Toter kann im geistigen Dasein auf die anderen physisch Toten nicht im Sinne einer Veränderung ihres Lebens ein­wirken“ – Leben hier im Sinne jenes fortwährenden Lebens, das immer wieder in die irdische Existenz hinein geboren wird, später stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt.

Das heißt aber nicht, dass nichts und niemand auf die Toten einwirken kann. Nur eben andere Tote können es nicht. Genau so haben wir es in der eingangs beschriebenen Aufstellung erlebt: Die beiden Toten verstanden, dass sie schon lange durch wechselseitige Gewalttaten miteinander verstrickt waren, und für sie war kein Ausweg sichtbar. Sie waren betrübt darüber, konnten aber nichts daran ändern.

Man könnte jetzt klug darüber diskutieren, ob der Aufsteller hier nicht wie ein antiker Theater-Dichter Christus als einen „Deus ex machina“ auf die Bühne schweben und das tragische Ende abwenden lässt. Ja, mag sein. Wir haben aber noch nie erlebt, dass wir Christus (Ursula spricht lieber von Jesus) aufgestellt hätten und er hätte nicht geholfen. Vielleicht ist es wie in manchen Geschichten in den Evangelien, wo Jesus nach einer Heilung sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Wir glauben, dass er helfen kann, wo unser Latein am Ende ist – und er hilft.

Bei den Veränderungen, die Steiner anspricht, geht es letztlich immer wieder um unsere Hin­wendung an das Göttliche. Dabei hat Steiner eine Perspektive für die Menschheits-Entwicklung, die über das Zeitalter des Lebens auf dem Planten Erde hinaus geht. Das kann ich leider nicht erläutern. Aber gerade in dieser großen Perspektive ist die Entwicklung der Menschen auf der Erde so wichtig, weil uns das, was wir hier verpassen, wieder als ein Karma in die nächsten kosmischen Entwicklungsstufen begleiten wird.

Das wollen wir an dieser Stelle nicht vertiefen. Stattdessen kommen wir auf einen anderen Punkt in dem Vortrag von Rudolf Steiner zurück. Er sagte dort: „Der Lebende hat die Möglichkeit, eine Wirkung auf den Dahingegangenen auszuüben. Dazu müssen wir durch ein geistiges Band mit ihm verbunden sein. Solche Freundesdienste haben immer eine gute Wirkung.“ Als Beispiel für solch eine Hilfe nannte er „stilles Vorlesen. Man kann, sich herzlich mit ihm vereinend, Gedan­ken­­folgen durchnehmen, Vorstellungen, Imaginationen in die höheren Welten.“

Steiner hielt diesen Vortrag vor gut hundert Jahren. Damals gab es keine Aufstellungen. Heute ist es für uns, die wir mit der Hellinger-Arbeit vertraut sind, fast selbstver­ständlich zu sagen, dass wir in Aufstellungen vielen Toten einen „Freundesdienst“ leisten. Jedes Mal, wenn ein Täter, auch ein längst verstorbener, zum Mitgefühl mit dem Opfer findet und aus seinem Herzen heraus sagen kann „Es tut mir leid“, wird sein karmischer Rucksack leichter.

Und nicht nur wir Lebenden können den Toten helfen, sondern auch höhere geistige Wesen­heiten. (Für uns selbst ist das vor allem Jesus oder Christus.) Wir machen in der Aufstellung
die Erfahrung, dass von dort Hilfe kommt, wenn wir nur „glauben“, das heißt: wenn wir bereit und willens sind, diese Hilfe auch anzunehmen. Und diese Erfahrung bewirkt eine Veränderung, die ebenfalls als gutes Karma in das nächste Leben mit einfließen wird.

Bericht über das „spezielle Seminar“ vom 7.1.2017

Was war denn speziell an diesem Seminar? Vor allem das „Beiwerk“, das dieses mal in die Mitte gerückt wurde: Stille Meditation und Übungen, die uns helfen sollen, uns mit jenen Realitäten zu verbinden, die jenseits unserer Schulweisheit und jenseits unserer fünf Sinne liegen. Das waren insbesondere Übungen von Marko Pogačnik aus seinem Buch Synchrone Welten. Natürlich machten wir auch Aufstellungen. Darüber hinaus gab es einen Austausch in der Gruppe über Fragen dazu.
Mehrmals nahmen wir uns Zeit für Meditation, stilles Sitzen, in dem wir unsere Aufmerksam­keit nach innen lenkten, in die „leere Mitte“. Hier muss nichts korrigiert, nichts muss ver­bessert werden. Alles darf so sein, wie es gerade ist.
Gleich in der ersten Meditation reagierte Ursula auf einen Satz mit einem plötzlichen Magen­drücken. Wir stellten das auf: Zunächst Ursula selbst und das Magendrücken, bald danach noch jemanden ihr gegenüber. Diese Stellvertreterin schaute still, freundlich, aber auch etwas unnahbar. Und dann schaute sie auf mich, den Aufstellungsleiter. Ich stand auf, und ich fragte mich, zu was ich gerufen oder herausgefordert wäre. „Bin ich zu weit gegangen?“, fragte ich mich? „Bin ich anmaßend gewesen?“
Die Situation erinnerte mich an die Epidauros-Aufstellungen, die wir vor ein paar Jahren gemacht haben, wo Teilnehmer als Pilger durch die Tempel des antiken Heiligtums gingen. Sobald man in diesen Aufstellungen zum Artemis-Tempel kam, fand man – egal, wer gerade als Stellvertreter für die Göttin stand – eine strenge Meisterin. Hier lernst du eine demütige Haltung, oder du kannst gleich wieder gehen.
Der Meister (oder Meisterin) in dieser Aufstellung jetzt war deutlich milder, weniger streng, aber in der Sache genauso klar. Ich musste auf die Knie hinunter und den Kopf neigen. Dann sah ich, dass Ursula sich vor diese Wesenheit auf den Boden legte. Nach einer kleinen Weile war es dann gut. Wir standen auf und beschlossen die Aufstellung. Später meinte Ursula, diese Stellvertreterin habe für den Tod gestanden. Auf mich wirkte es nicht wie der Tod, aber ich weiß auch nicht, was. Jedenfalls „etwas Höheres“.
Wir blieben dabei, mit solchen „höheren Instanzen“ zu arbeiten. In der folgenden Aufstellung ging es um eine Teilnehmerin und ihre Mutter. Wir ließen sie in eigener Person stehen, und gegenüber stellten wir jemanden für „Die Essenz der Mutter“ hin, also nicht die Person dieser bestimmten Mutter, sondern das Mutter-Sein dieser Frau (und aller anderen Mütter). Die Frau und Die Mutter schauten sich einfach an. Nach einer Weile ließ ich die Mutter sagen: „Ich bin da.“ Das hatte eine schon mal eine gute Wirkung. Dann ließ ich die Frau antworten: „Ich bin auch da.“ Auch das hatte eine gute Wirkung.
Nach dieser Aufstellung kamen wir auf dieses „auch“ zu sprechen. Es wirke, sagte jemand, als sei die Person, die „ich bin auch da“ sagt, etwas Geringeres. Ja, das stimmt. Ich erzählte dazu, dass Bert Hellinger von der Mutter als einer Gottesoffenbarung gesprochen hat. Wenn wir auf Die Mutter schauen, ist es, wie wenn wir auf „das ferne Licht“ schauen. Der Satz „Ich bin da“ ist die Übersetzung des jüdischen Gottes-Namens.
Außerdem ist es der größte Trost für ein verzweifeltes Kind, wenn die Mutter sagt: „Ich bin da.“ Dann weiß das Kind, dass es auch da sein darf. Und natürlich, im Vergleich zu dem, das sagt „Ich bin da“, ist das Kind kleiner. Es ist kleiner als die Mutter, und es ist kleiner als Gott. Wir sind aus Gott und inso­fern sind wir auch Gott. Doch alles, was ist, kann nur kleiner sein als das, woraus wir sind. Wenn wir das anerkennen, sind wir an unserem richtigen Platz. Und dort sind wir dann groß.
Ungefähr an dieser Stelle fügten wir eine Übung von Marko ein, die Übung 12 aus dem erwähnten Buch. Ich nenne sie „Der Bienenschwarm“. Es ist keine Übung mit körperlichen Bewegungen oder Gesten, sondern sie läuft in der geistig Vorstellung ab. Die Kurzfassung:
 
„Stell dir vor, alle Zellen deines Körpers wären frei, als selbständige Einheiten im Raum deiner Aura zu schwingen. Dein Körper fühlt sich nun an wie Schwarm freudig zitternder Bienen.
Dabei strahlt deine geistig-seelische Mitte wie eine innere Sonne mit der Kraft der Liebe.
Sie hält damit die Gesamtheit deines mehrdimensionalen Körpers zusammen.
Spüre die kreative Spannung zwischen den freischwebenden Einheiten deines Körpers und deiner alles zusammenhaltenden Mitte.
Dieses Gefühl kannst du nun auf die ganze Erde übertragen.
 
Diese Übung kann jeder lesen und dann für sich durchführen, aber es wirkt doch anders,
wenn man sich entspannt hinsetzt, die Augen schließt und sich von einem Sprecher durch die Übung hindurch leiten lässt.
Danach ließ eine Frau ihre Beziehung zur Musik aufstellen. Die Musik war etwas sehr Großes, stand ruhig, freudig und offen der Frau gegenüber. Und dann sagte der Vertreter der Musik zu der Frau: „Ich bin da.“ Und die Frau antwortete: „Ich bin auch da.“ Da hatten wir dieses Thema wieder, wie bestellt als Vertiefung zum besseren Verständnis. Auch die Musik ist eine göttliche Offenbarung. Wenn wir Anteil haben an ihr, werden wir mit Seligkeit beschenkt, so wie wenn wir in der Liebe zur Mutter aufgehoben sind.
Eine Teilnehmerin merkte an, dass wir mit dem „ich auch“ Verantwortung übernehmen – jeder seinen Teil der Verantwortung am großen Ganzen.
Und dann gab es noch eine ganz normale Familienaufstellung – jedenfalls vom Anliegen her. Eine Frau wollte ihr Verhältnis zu ihrem Vater aufstellen. Ich beschreibe den Ablauf hier nicht im Detail. Nur so viel: Nach einer Wendung des Vaters zusammen mit seinem Vater
in Richtung auf eine ferne Vergangenheit waren wir in der Geschichte von Abraham, der sich anschickte, seinen Sohn Isaak zu schlachten.
Als mir das klar wurde, fiel mir eine Geschichte von Bert Hellinger zu diesem Thema ein, und ich ließ den Vater in die Richtung, in die er und sein Sohn schauten, sagen: „Ich tu es nicht!“ Das war erlösend. Vater und Sohn drehten sich danach wieder um, und der Sohn schaute liebe­voll zu seiner Tochter hin, von der er anfangs nichts wissen wollte.
Obwohl wir nur vier Aufstellung gemacht hatten, waren wir hinterher ebenso geschafft wie bereichert. Wir werden demnächst einen zweiten Anlauf mit solch einem Seminar machen, vielleicht im Mai.


Rundbrief Familienstellen 08 2016

Im Dezember letzten Jahres befasste sich die Zeitschrift Praxis der Systemaufstellung mit der Person und Bedeutung Bert Hellingers, anlässlich seines 90sten Geburtstages. Ich habe dieses Heft gründlich gelesen. Dass die Mehrzahl der Beiträge sich mehr oder weniger heftig von Hellinger absetzte – nichts Neues. Allerdings war in dieser Kritik auch substantiell nichts Neues. Sie ist, je nach Autor, spätestens im Jahr 2003 stehen geblieben. Was haben diese Kritiker seither von Bert zur Kenntnis genommen?

Ich habe einen Leserbrief geschrieben, der in der Ausgabe von Juni 2016 gedruckt wurde, in dem ich mich versuche, den Kern von Hellingers Arbeit zu umreißen und zu klären, was eigentlich die beiden Linien der Aufstellungsarbeit, die systemische und die geistige, trennt und was sie immer noch verbindet. Der ganze Text wird demnächst auf unserer Internet-Seite zu finden sein. Hier ist die konzentrierte Kurzfassung:

Psychotherapie oder Mystagogie

Seit über zehn Jahren grenzt Hellinger sein Verständnis der Aufstellungs­arbeit entschieden von Psychotherapie ab. Das hat mehrere Gründe, aber letztlich ging und geht es aber um die Frage: Was ist die Aufstellungs­arbeit? Zugespitzt: Ist es Psycho­therapie oder „natürliche Mystik“, „angewandte Philosophie“? Auf unserem Weg mit Bert Hellinger wurde uns im Lauf der Jahre immer deutlicher bewusst, dass das Stellvertreter-Phänomen ein mystisches Erkennen ist, ein Portal, durch das wir mit der geistigen Welt in Verbindung treten – zum Beispiel mit der Sphäre der Ahnen. Das ist heilsam, aber es ist nicht Psychotherapie.

Bert hat in den letzten Jahren mehrfach angedeutet, für ihn sei das Familien­stellen vorbei. Was ich aber nicht hindert, weiter Aufstellungen anzuleiten. Für ihn ist das Aufstellen nur der Weg, der zu einer mystischen Erkenntnis führt. Er selbst braucht aber längst keine Aufstellungen mehr, um sich diesem „dunklen Zusammenhang“ auszusetzen und eine Einsicht zu bekommen. Für ihn ist das ein innerlicher Vorgang.

Die meisten Menschen allerdings sind noch nicht so weit. Auch für uns selbst ist die Aufstel­lungs­arbeit immer noch ein mystischer Schulungsweg. Und zwar einer, der jedem offen steht! Jeder kann selbst erfahren, dass er nur als Stellvertreter in „den magischen Kreis“ zu treten braucht, den jede Aufstellung darstellt. Als Stellvertreter in einer Aufstellung überschreiten wir die Grenzen unserer fünf Sinne. Deshalb ist jede Aufstellung, unabhängig von ihrem jeweiligen Anlass, eine Offenbarung, in der wir uns als mehrdimensionale Wesen erleben.

Wenn Bert also kein Therapeut ist – was ist er dann? Für mich liegt ein Begriff nahe, der unserer Kultur eher fremd geworden ist, nämlich der eines Mystagogen. Das ist ein Experte (also ein Erfah­rener), der andere auf einem mystischen Erkenntnisweg führt.

Der Begriff des Therapeuten ist hier in einem landläufigen Sinn verwendet. In der ursprüng­lichen Wortbedeutung jedoch meint Therapie den „Dienst am Göttlichen“. Er umfasst also auch die Schulung der mystischen Erkenntnis. Da ist kein Widerspruch.

Konsequent gedacht gilt die Bezeichnung Mystagoge natürlich nicht bloß für Bert persönlich, sondern für jeden Aufsteller. Denn jeder Aufsteller vermittelt anderen Menschen die Erfahrung, dass auch sie (in der Stellvertreter-Rolle) auf einer geistigen Ebene etwas klar wahrzunehmen vermögen, was sich im Alltag unseren Sinnen entzieht.

Thomas Gehrmann

Rundbrief Familienstellen 07 2016

Die Zurückhaltung und der geheiligte Raum des Anderen

In der Anfangszeit gehörte zum Familienstellen ein aktives Erkunden: Der Aufstellungsleiter erkundete das Anliegen und die genauen Umstände. Dann bestimmte er Stellvertreter, die auf­gestellt wurden, er befragte sie, verändert ihre Positionen oder ließ sie bestimmte Sätze sagen oder Gesten ausführen. So lange, bis es für alle gut war. Das war dann „die gute Lösung“.

Etwa seit dem Jahr 2000 hat Hellinger seine Arbeit dahin verändert – und wir folgen ihm darin – dass er die Stellvertreter ihren innerlich wahrgenommenen Impulsen überließ, auch ohne etwas zu fragen oder einzugreifen. Die Tendenz geht bei der neuen Arbeitsweise also vom Tun zum Nicht-Tun. Diese Haltung des Anleiters verlangt äußerste Zurückhaltung. Dieses Nicht-Tun hat eine tiefe Wirkung, bringt aber oft nicht die „gute Lösung“, auf die das Familienstellen früher ausgerichtet war.

So zum Beispiel in einer Aufstellung, die Bert Hellinger vor fünf Jahren anleitete. Da hatte die Falleinbringerin gemeint, auf ihrer Familie laste ein Fluch; ihre Mutter sei von ihrer Oma mit einem Fluch belegt worden. Die Aufstellung zeigt jedoch, dass die Mutter sich trennend zwischen ihre Tochter (die Falleinbringern) und ihre Mutter (die Oma der Klientin) stellt.
Als Hellinger Stellvertreter für die Tochter der Klientin und deren Sohn hinzunahm, zeigte sich das gleiche Bild: Auch die Tochter stellt sich trennend zwischen ihre Mutter und ihren Enkel.

An diesem Punkt nun brach Hellinger die Aufstellung ab: „Ist es in unserer Hand, hier einzu­greifen? Was muss sich ändern bei ihr, ihrer Mutter, bei ihrer Tochter? Können wir das ändern in einer Aufstellung, als läge es in unserer Hand? Aber nach dieser Aufstellung kann nichts bleiben, wie es war.“ Wenn aber nichts mehr so bleiben kann, dann ist das Nötige getan.

Was dem seltsamen Bild, das die Aufstellung zeigte, ursprünglich zu Grunde lag, wurde nicht sichtbar. Müssen wir es wissen? Das Bild der „bösen Oma“ war jedenfalls haltlos gewor­den. Wie geht es nun weiter? Auf jeden Fall anders als bisher. Wollte der Aufsteller dieser neuen Bewegung auch noch die „richtige“ Richtung geben wollte, würde er sich überheben, letztlich „Gottes spielen“.

Bert Hellinger: „Jeder lebt in seinem eigenen Raum. Dieser Raum hat eine Grenze. Und wie gehen wir auf eine angemessene Weise miteinander um? Wir achten diese Grenze. Aber bei den helfende Berufen ist es Gang und Gäbe, dass wir versuchen, in diesen Raum des anderen einzu­dringen. Zum Beispiel mit unserer Neugierde oder Sorge.

Hier, bei dieser Arbeit, demonstrieren wir die äußerste Zurückhaltung, ohne einzudringen. Wir stellen lediglich Stellvertreter auf, manchmal ohne zu benennen, wofür sie stehen. Und weil es da keine Vorgaben gibt, entsteht eine Bewegung von woanders her. Und ohne dass etwas gesagt werden muss oder gesagt werden darf, entsteht eine Bewegung hin auf eine Lösung.

Manche von euch haben sich sicherlich gewünscht, dass es hier eine Lösung gegeben hätte, im üblichen Sinne. Und wir konnten die nicht sehen. Aber sie kann nicht mehr weitermachen wie zuvor, auch wenn ein langer Weg vor ihr liegt.“

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Rundbrief Familienstellen 05 2016

Pfingsten 2016

Kurz vor unserem letzen Aufstellungstag telefonierte ich mit unserer Kollegin Agape in Griechenland. Dabei erwähnte ich eine merkwürdige Jesus-Aufstellung, die Ursula und ich im März miterlebt hatten. Agape war verwundert. Sie hat durchaus eine Beziehung zu Christus, doch sie meinte, sie hätte nie Christus aufgestellt. Ich erzählte ihr, dass wir es vor Jahren in einer Aufstellung mit so schwierigen Kräften zu tun hatten, dass wir deutlich an unsere Grenzen kamen. Wir hätten die Aufstellung abbrechen müssen. Stattdessen nahmen wir einen Stellver­treter für Christus herein. Sofort änderte sich die ganze Atmosphäre, und die verhärteten Fronten lösten sich auf.

Dieses Telefongespräch hat wohl den Boden bereitet für unseren Aufstellungskurs drei Tage danach. Da gab es gleich drei Aufstellungen, die uns über das im engeren Sinn Menschliche hinaus in andere Bereiche führten. Eine davon war wieder eine Aufstellung, in der wir einen Stellvertreter für Christus hinzu nahmen:


Eine Frau leidet an Venenproblemen in den Beinen. Eine Stellvertreterin für sie breitet die Arme aus, als wollte sie jemand oder etwas daran hindern, aus ihrem Rückenraum nach vorne zu kommen. Eine zweite Person steht auf, beugt sich hinab und krabbelt auf allen Vieren unter den ausgebreiteten Armen der ersten Stellvertreterin hindurch nach vorne. Die äußert, sie würde sich der zweiten am liebsten schwer auf den Rücken setzen.

Wer da spricht, ist offensichtlich nicht die Falleinbringerin, nicht jetzt in diesem Leben. Also nehmen wir eine dritte Stellvertreterin als „den schweren Reiter“. Die versucht sich tatsächlich auf die zweite zu setzen – wir belassen es bei der angedeuteten Geste. Die Zweite fletscht die Zähne und wendet sich gegen die Dritte. Sie sagt dazu: „Ich habe ihr ins Bein gebissen. Ich spüre das Fleisch zwischen meinen Zähnen.“ Auf die Frage, ob sie ein Tier sei oder ein Mensch, antwortete sie: „Ich weiß es nicht.“

Das ist bedeutsam, natürlich, aber was es bedeutet, das wissen wir nicht. Sollten wir versuchen, es zu ergründen? Statt dessen nehmen wir einen weiteren Stellvertreter für Christus herein, der sich mit segnend ausgebreiteten Händen vor die Gruppe stellt. Alle Beteiligten kommen sofort in Frieden.

Die Beschreibung der Aufstellung erfolgt hier mit ausdrücklichem Einverständnis der Falleinbringerin

Natürlich werfen Aufstellungen mit Christus grundsätzliche Fragen auf. Fragen, die zu spannen­den theologischen Debatten führen könnten. Für die Aufstellungsarbeit jedoch genügt, was uns die Aufstellung selbst zeigt. Mehr müssen wir nicht wissen und nicht verstehen.

Der Christus, der sich uns in Aufstellungen gezeigt hat, verkörpert, was Hellinger als „Liebe des Geistes“ beschreibt: Eine wohlwollende Zugewandtheit, Liebe ohne Absicht, ohne Bedingung, ohne Urteil. Zugänglich für jeden, der sich an ihn wendet – auch per Aufstellung. Natürlich verfügen wir nicht über ihn. Das ist kein „therapeutisches Werkzeug“. Es ist eher wie ein Gebet, eine Bitte um Hilfe. Aber das sollte eigentlich für alles gelten, was wir aufstellen.

Rundbrief Familienstellen 03 2016

Die Welt kennen lernen mit Bert Hellinger! Diesmal fuhren Ursula und ich nach Charleroi in Belgien zu einem Seminar von Bert.

Das Spektakulärste dabei, zumindest vordergründig, war sicher sein Vortrag, dass die Mensch­heit von Außerirdischen zu dem Zweck erschaffen wurde, um als Sklaven für diese Außer­irdischen in Bergwerken nach Gold zu graben. Zwar seien jene Außerirdischen nicht mehr auf der Erde zugegen, die Menschheit jedoch lebe immer noch im Sklavengeist und sei in ihrem Tun und Denken auf das Gold (beziehungsweise Geld) ausgerichtet. Diesen Vortrag wiederholte er in den drei Tagen mehrfach und mit großem Ernst.

Wollte ich die Geschichte von der Entstehung der Menschheit als historisches Faktum unter­suchen, fielen mir sofort vielfältige Einwände ein. Zum Beispiel: Wenn diese Außerirdischen in der Lage waren, ein so kompliziertes, aber auch empfindliches Wesen wie den Menschen zu erschaffen, der dann hunderttausende Jahre Evolution brauchte, bis er in großen Tiefen Erz abbauen und verhütten konnte – warum haben sie nicht gleich ein paar robuste Maschinen gebaut, die diese Aufgabe sofort und viel besser erledigen könnten?

Doch ich höre diese Geschichte wie ein Gleichnis, das unsere geistige Verfassung beschreibt, und wie einen Mythos, der erklärt, wie es dazu kam. In der Tat sah ich in den darauf folgenden Aufstellungen immer wieder die Gier, das Haben-Wollen. Besonders in den Unternehmens-Aufstellungen des zweiten Tages, aber auch an Stellen, wo ich es vorher nicht vermutet hätte.

Einmal war ich selbst in einer Stellvertreter­Rolle, die nicht benannt war. Ich stand für etwas, das für die Entwicklung des betreffenden Unternehmens von entscheidender Wichtigkeit war. Der Unternehmer (in eigener Person) stand mir gegenüber. Ich war ihm wohl gesonnen, lächelte und ging einen Schritt auf ihn zu. Da kam er auf mich zu, aber ganz ohne Maß. Ich musste ihn mir vom Leibe halten, erst zart angedeutet, dann ganz energisch. Der Mann blieb stehen, und ich ging wieder einen kleinen Schritt auf ihn zu. Wieder begann er, mir auf die Pelle zu rücken.
Mir war, als wollte er mich ergreifen und sich gewissermaßen in die Tasche stecken. Er schaute mich auch nicht an. Schließlich brachte Bert die Mutter des Mannes ins Spiel. Die ging gleich zu Boden, der Unternehmer kauerte sich zu ihr und ergab sich seinem Schmerz. Und ich stand da und wartete auf irgendjemanden, irgendwann käme und mir mit etwas anzufangen wüsste.

Danach ging es ähnlich weiter: Ein Management- und Beratungsunternehmen näherte sich einem anderen Unternehmen, das es beraten wollte, und reichte ihm die Hände. Aber dieses Unter­nehmen verschränkte die Arme und zog sich zurück. Es war deutlich, dass die Berater etwas wollten, aber nichts zu geben hatten. Sie wollten das andere Unternehmen in die Tasche stecken! Das hat mich sensibel für die Geste gemacht, jemandem die Hände zu reichen oder zu umarmen. Welche Absicht steckt dahinter? Hier sah ich immer wieder: den Anderen (oder das Andere) umgarnen, einkassieren, in die Tasche stecken.

Diesen Aufstellungen für Unternehmen war eine Arbeit Hellingers vorangegangen, bei der ein junger Mann als sein Anliegen benannte, er wolle „endlich frei sein!“ Ich habe keine Ahnung, von wem oder was er sich eingeengt gefühlt haben mag, aber ich ahnte schon, was Hellinger gleich darauf antworten würde. Er sagte zu ihm: „Mach die Augen zu. Sag: ‚Ich diene!’“ Danach konnte man hören, wie Hellinger ins Schwarze getroffen hatte. Der Mann neben ihm, immer noch mit geschlossenen Augen, wand sich auf dem Stuhl und rang nach Luft. Nach einer Weile kam er zur Ruhe und war sichtlich verändert.

Dieses „Ich diene“ verändert stets die geistige Dimension, in der wir uns bewegen. Auch in der Auf­stellung für den Unternehmer, in der ich Stellvertreter war, hatte ich das Gefühl: Ich stehe für den Geist eines Unternehmens, das dient – zunächst mal: Den Menschen dient. Aber es kann auch mehr als das gemeint sein.

Zur Erklärung gehe ich noch einen Schritt zurück an den Abend des ersten Tages. Da hatte Hellinger jemanden für Jesus aufgestellt und eine Frau ihm gegenüber. Sie zitterte am ganzen Leib. Währenddessen stand Jesus ihr gegenüber, die Hände offen zu ihr hin gewandt und mit freundlichem Lächeln. Er war wie eine Verkörperung jener Haltung, die Hellinger früher schon als „Liebe des Geistes“ bezeichnet hat: Freundlich zugewandt, ohne etwas zu wollen, auch ohne etwas ändern zu wollen.

Natürlich stellt sich da auch die Frage, wem oder was wir mit unserer Aufstellungsarbeit dienen. Auf der Ebene, die sich in dieser Jesus-Aufstellung andeutete, sind unsere üblichen Wünsche oder Beschwerden klein. „Ich will frei sein“ – wie lächerlich! Vergleichsweise ist das doch ein ganz enger Horizont, wie Spielerei. Und so gab es am zweiten Tag des Seminars eine ganze Serie von Nicht-Aufstellungen. Jemand kam zu Bert auf die Bühne, rang die Hände und weinte. Bert: „Das ist nur Theater. Setz dich wieder.“

Und so ging es in einem fort, vielleicht zehn Leute hintereinander. Fast alle schickte er gleich wieder fort: „Das ist nur Spielerei.“ Zwei mal machte er dabei so etwas wie eine Aufstellung:
Er ließ eine Frau, die sehr bedrückt und verweint aussah, sich auf der Bühne hinstellen und nach vorne schauen. Dann sagte er: „Geh jetzt drei entscheidende Schritte nach vorn… Noch zwei Schritte.“ Das war’s. Für mich hieß das, ins Deutsche übersetzt: „Hör auf zu jammern. Es ist, wie es ist. Schau auf das Wesentliche und geh weiter.“ Danach schickte er die Frau wieder auf ihren Platz zurück. Sie sah immer noch jammervoll aus, aber, so war mein Eindruck, sie ging aufrechter, mit mehr Würde.

Solch eine Arbeit hatte ich noch nie erlebt. Es dauerte vielleicht fünf Minuten. Ein merkwürdiges kleines Dingelchen, und für mich, neben der Jesus-Aufstellung, das Eindrucksvollste dieser drei Tage mit Bert Hellinger in Charleroi.

Die groß angekündigte „Aufstellung ganz ohne Worte“ war nicht wirklich neu für uns. Was uns besonders vorkam, war die Entschiedenheit und Radikalität, mit der Bert arbeitete. Er ist jetzt über 90 und hat keine Zeit für die üblichen Dramen. Doch es ist nicht nur eine Frage von Hellingers persönlichem Alter. Diese radikale Vorgehensweise fügt sich zu dem, was wir vor drei Wochen im Seminar von Marko Pogačnik gehört hatten:

Dass sich die Erde bereits seit einigen Jahren (von den meisten Menschen unbemerkt) in einem grund­legenden Übergang befindet vom bestimmenden Element Erde (das Mineralische, auch Metallische) zum Element Luft, zum Geistigen. Und das Gaia, die Mutter Erde, das Irdische nur noch mit einem Minimum an Lebensenergie versorgt, während die meiste Energie in den Prozess dieser Umstellung geht. Es ist nötig, dass wir uns mehr und mehr darauf einstellen, unseren Horizont weiter fassen und, wie Bert seit Jahren predigt, geistig „auf eine andere Ebene gehen“. Einmal und immer wieder.

Was heißt das praktisch für unsere Aufstellungs-Seminare? Wenig. Ich glaube, wir sind sowieso auf diesem Weg.

Herzliche Grüße & bis bald,

Thomas

Rundbrief Familienstellen 02 2016

Mitte der 90er Jahre beschrieb Bert Hellinger in seinem Buch Die Mitte fühlt sich leicht an seine Einsichten über das Gewissen. Es sei, schrieb er, nur ein instinktives Gespür dafür, was wir tun und lassen müssen, um uns die Zugehörigkeit zu unserer Gruppe, in erster Linie zu unserer Familie, zu erhalten. Das schlechte Gewissen teilt uns mit, wenn wir vom Pfad der Tugend abweichen. Aber wir müssen hinzu fügen: je nachdem, was in unserer Familie als Tugend gilt.

Das Gewissen lässt uns zwischen gut und böse unterscheiden, zwischen richtig und falsch, nur folgen verschiedene Gruppen auch unterschiedlichen Werten, manchmal auch gegensätzlichen Werten. Wenn uns das Gewissen also zwischen gut und böse unterscheiden lässt, unterscheiden wir zwangsläufig auch „gute“ und „böse“ Menschen. Natürlich sind wir die richtigen, die anderen sind die falschen. Doch leider denken die anderen umgekehrt das gleiche über sich und über uns. Der Krieg kann beginnen – mit gutem Gewissen auf beiden Seiten!

Seit ich das begriffen habe, bin ich immer wieder erschüttert, wenn ich lese – zum Beispiel gerade in einer Biographie über Dietrich Bonhoeffer – wie das Gewissen glorifiziert wird:
Als Stimme Gottes oder, bei Leuten, in deren Glaubenssystem kein Gott vorgesehen ist, gleich an dessen Stelle. Ach, würden nur alle Menschen ihrem Gewissen folgen, dann herrschten Friede und Eintracht auf der Welt. Unsinn! Das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer Welt voll Gewalt, Krieg und Terror, gerade weil alle ihrem Gewissen folgen.

Hellingers Einsichten in das Gewissen sind umwerfend. Das verstand ich sofort, als ich das damals las. Was ich nicht verstand war, was das mit dem Familienstellen zu tun hat. Die Lösung dieser Frage hat Hellinger im Lauf der Jahre nachgeliefert. Das ging damit einher, dass er das Aufstellen aus dem Rahmen von Familientherapie, in dem es bekannt geworden ist, heraus löste und das „Gehen mit dem Geist“ entwickelte.

Wer mit dem Thema „Gewissen“ schon vertraut ist, der weiß, dass Hellinger neben dem persönlichen Gewissen, das jedem als gutes oder schlechtes Gewissen vertraut ist, auch ein „Gruppen­gewissen“ und ein „geistiges Gewissen“ beschrieben hat. Das macht die Sache etwas komplizierter, und ich überspringe das hier.

Wir beginnen das Aufstellen aus einer veränderten Grund­haltung heraus. Im alten, systemischen Familienstellen verband sich der Aufstellungs­leiter innerlich mit den Eltern des Falleinbringers oder mit einer ausgeschlossenen Person aus dem Familiensystem. Das hat schon eine mächtige Wirkung. Es öffnet für die Aufstellung ein geistiges Feld, in dem dann die Stellvertreter von einer anderen Kraft ergriffen und bewegt werden. Diese Bewegungen nennt Hellinger heute „Bewegungen des Gewissens“.

Die Bewegungen des Gewissens können zwar eine Unordnung reparieren, aber sie führen nicht weiter. Wie der berühmte Faden der Ariadne helfen sie uns aus dem verwirrenden Labyrinth wieder hinaus – aber immer nur dahin zurück, von wo aus wir gestartet sind. (Näheres dazu von Bert Hellinger steht in unserem Buch Gehen mit dem Geist auf den Seiten 53 und 54.) Durch das Gewissen gibt es keinen Fortschritt, keine Veränderung. Das Gewissen ist eine bewahrende Kraft und keine, die neue Horizonte eröffnet.

Wenn man das versteht, schockiert es nicht mehr so, was Bert Hellinger einmal sagte: „Wer bringt die Welt voran? Die Guten oder die Bösen?“ Und er antwortete selbst: „Es sind die Bösen“. Es sind jene Menschen, die sich auch über das Gewissen hinweg setzen. Oder anders herum formuliert: „Wer immer unschuldig bleiben will, der bleibt immer ein Kind.“

Wenn wir eine Aufstellung mit den Bewegungen des Geistes beginnen, machen wir uns innerlich leer, frei von Absichten, auch von „guten“ Absichten. Wir bleiben ruhig in unserer Mitte (hier erklärt sich endlich auch der Buch-Titel Die Mitte fühlt sich leicht an). Wir bleiben frei auch von der Absicht, etwas für die Person bewirken zu wollen, für die wir etwas aufstellen. Wir öffnen „nur“ ein Feld, in dem wir den nächsten fälligen Schritt erkennen. Einen Schritt, der möglicher­weise in etwas ganz Neues, Unbekanntes hinein führt.

Man könnte vielleicht sagen: Geistige Aufstellungen zeigen uns, was Gott mit uns vor hat. Doch das ist nicht mehr der Gott unserer Gruppe, nicht der Gott unserer Religion, falls wir einer an­hängen. Es ist nicht der Gott, der in unserem Gewissen zu uns spricht. Es ist eine Kraft, über die wir nichts zu sagen wissen, als dass sie alles ins Dasein bringt und bewegt, was ist, und dass sie allem, was ist, gleicher­maßen mit Wohlwollen zugewandt ist.

Wenn nun jemand ein Anliegen hat, das ihn bedrückt und für das er eine Lösung sucht, zum Beispiel mit einer Aufstellung, dann will er diesen ganzen Hintergrund, was das Aufstellen mit dem Gewissen zu tun hat, vielleicht gar nicht wissen. Wer verschiedene Aufsteller kennen gelernt hat und vergleichen kann, wird sicher Unterschiede bemerken. Unterschiede, die nicht nur mit dem persönlichen Temperament des Aufstellers zu tun haben, sondern auch mit einer unterschied­lichen Auffassung vom Aufstellen, vor allem: dem eher therapeutischen Familien­stellen einerseits oder dem eher mystisch-geheimnisvollen geistigen Aufstellen andererseits.

All das muss den, der einfach sein Anliegen aufstellen lassen möchte, nicht weiter interessieren. Er nimmt einfach das Angebot an, das ihm am sympathischsten ist, warum auch immer. Es muss ihn nicht kümmern, solange es ihm allein um sein Anliegen, um seine „Probleme“ und deren Lösung geht. Andere hingegen inter­essiert es doch, wo uns das geistige Aufstellen eigentlich hin führt. Ende 2015 hörte ich einen Vortrag von Hellinger über das Gewissen, ein Thema, in dem ich mich, wie ich meinte, gut auskenne. Etwas in diesem Vortrag verwirrte mich, so dass ich ihm einen Brief schrieb und fragte. Er antwortete:

Das Gewissen lässt uns keine Ruhe. Was immer wir tun, eine Kraft sagt uns, was wir tun müssen, um sicher zu sein, dazuzugehören. Wir müssen manchmal auch etwas tun, das uns über das Gewissen hinausführt. Zum Beispiel, wenn wir uns von einem Glauben lösen und mit ihm von unserer Religion. Dies gelingt uns nur auf der einen Seite mit einem schlechten Gewissen und auf der anderen Seite durch den Schritt in eine andere Dimension. Diese Bewegung ver­langt, dass wir uns jenseits von unserem bisherigen Gewissen in eine andere Ebene bewegen. Diese verlangt von uns das Letzte, den Weg in eine unabhängige Freiheit.“

Damit beschreibt Hellinger gewissermaßen das „Erziehungsziel“ des geistigen Aufstellens.
Es schickt uns auf einen Weg über das Gewissen hinaus, in eine (vom Gewissen) unabhängige Freiheit. Dieser Weg fordert eine geistige Disziplin von jedem, der sich auf ihn einlässt.
Die anfängliche Frage: „Warum geht es mir so, wie es mir geht? Wo hat jemand einen Fehler gemacht? Wie kann dieser Fehler korrigiert werden, damit alles wieder gut wird?“ verwandelt sich dann in die Frage: „Welcher Entwicklungsschritt ist von mir gefordert?“

Es sind die ewigen Fragen: Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Wo gehen wir hin? Diese Fragen werden hier verbindlicher. Wir beginnen mit einem mehr oder weniger handfesten Anliegen: einer Krankheit, einem Beziehungsproblem, einem lästigen Verhaltensmuster. Und wir landen unversehens auf einer anderen Ebene, die, wie Hellinger sagt, das Letzte von uns verlangt.

Dieser Rundbrief ist mal wieder „schwere Kost“, aber erstens auch wieder leicht, am Ende jedenfalls, und zweitens ist es nur fair, wenn wir unseren Teilnehmern sagen, auf was sie sich hier eigent­lich einlassen. Wie weit jeder mitgehen mag und kann, liegt dann wieder bei ihm (oder ihr) selbst.

Liebe Grüße,           Thomas und Ursula

Liebe Freundin oder Freund des Familienstellens.
Hier ist eine Vorschau auf unsere Kurse im nächsten Jahr:
Aufstellungstage in Kassel sind im ersten Quartal 2016:
Sonntag, 10. Januar
Samstag, 20. Februar
Außerdem gibt es im Februar ein Wochenende mit Aufstellungen im Kloster Gerode (Eichsfeld) von Freitag, 5.2. bis Sonntag, 7.2.
Ebenfalls im Februar gibt es ein Wochenende (26.-28.) mit Marko Pogačnik in Bad Meinberg (hinter Paderborn). Für dieses Seminar, an dem Ursula und ich selbst teilnehmen werden, hängen wir hier eine ausführliche Information an.
Im Mai (5.-8.) werden wir wieder ein internationales Aufstellungsseminar in Griechenland machen, zusammen mit unseren griechischen Kollegen Konstantinos Tokmakidis und Agape Alexomanolaki. Es wird diesmal vier Tage dauern, wobei wiederum zwei Tage von Marko Pogačnik mit seiner Arbeit gestaltet werden und zwei mit Aufstellungen. Wer interessiert ist, kann bei uns Näheres erfahren.
Von unserem Griechenland-Seminar im Mai 2015 gibt es einen Bericht (14 Seiten als PDF-Datei), den wir auf Anfrage gerne verschicken.
Übrigens: Vorige Woche hat Bert Hellinger seinen 90sten Geburtstag gefeiert.
Liebe Grüße,
Thomas und Ursula

Rundbrief 02.15

Liebe Freundinnen & Freunde des Familienstellens
Hier ist die gewohnte Erinnerung an unseren nächsten Aufstellungstag, Samstag 7. Februar.
Etwas vorausgeschaut: am 14. Mai beteiligen Ursula & ich uns mit einem Workshop an einer Aufstellungs-Veranstaltung in Frankfurt. Das ist ein Donnerstag und Feiertag, Christi Himmelfahrt. Von dort werden wir weiter jetten, um uns an einem internationalen Aufstellungs-Seminar in Nordgriechenland zu beteiligen (15.-17. Mai). Über beide Veranstaltungen verschicken wir in Kürze ausführlichere Informationen.

Beim Familienstellen ist es oft wichtig, dass die Stellvertreter die Augen offen halten, damit sie in Kontakt mit der Realität bleiben, wie sie sich in der Aufstellung gerade zeigt. Oft ist es aber auch wichtig, dass zwei Stellvertreter miteinander in Augenkontakt gehen und bleiben. Nur dann bleiben sie in miteinander im Kontakt und in Beziehung. Was es mit der Magie des In­-die-Augen-Schauens, aber auch des Sich-in-die-Augen-schauen-Lassens auf sich hat, macht der unten stehende Artikel von Wolfgang Held wunderbar deutlich.

Das Organ der Freundschaft

Eigentlich gilt der Sehsinn den Farben und Formen, den Oberflächen der Dinge und Wesen. Aber wendet sich der Blick auf den anderen Menschen und dessen Blick, dann wird aus dem „Oberflächensinn“ mit einem Mal ein „Tiefensinn“.

Eine Erklärung für dieses Phänomen führt an den Anfang der leiblichen Bildung, in die frühe Embryonalzeit. Sei es der Riechkolben in der Nase oder die Tast- und Wärmerezeptoren – alle Sinnesorgane kommen zustande, indem die Haut an bestimmten Stellen eine besondere Empfindlichkeit herausbildet. Später wachsen dann Nerven von diesen Sinnesregionen zum Gehirn. Beim Auge ist es anders. Hier steigert sich nicht die Peripherie, sonder hier wächst aus dem Innersten, dem Gehirn, etwas nach außen. Was sich als weiße Lederhaut um die Iris spannt, ist „umgewandelte Gehirnhaut“.

Das Auge ist das einzige Sinnesorgan, bei dem sich das Innere nach außen stülpt. Diese physiologische Besonderheit des Auges gilt auch geistig. Indem man mit dem Auge schaut, wird man gesehen. Kleine Kinder halten die Hand vor die Augen oder schließen die Augen und meinen, man könne sie nicht sehen. Darüber schmunzeln wir, die wir keine Kinder mehr sind. Aus einer seelischen Perspektive haben die Kleinen allerdings Recht. Denn sobald man die Augen verschließt, ist man tatsächlich seelisch nicht mehr sichtbar.

Kein anderes Sinnesorgan zeigt die verschlungene Doppelnatur des menschlichen Körpers von Materie und Geist so eindrucksvoll wie das Auge. Es ist mit den Gesetzen der Optik so großartig zu fassen und doch zugleich der stärkste Ausstrahlungsort der menschlichen Seele, sodass man nur den vielzitierten Augenblick lang ins Augenpaar eines anderen Menschen schauen kann, sonst wird aus der Begegnung, diesem Moment gegenseitigen Entdeckens, eine Attacke.

Aber es ist auch ein Angriff, wenn diese gemeinsame Achse, das Gespräch der Augen, ver­weigert wird. Ich war noch Schüler, als ich in einem schmalen Gang dem DDR-Grenz­polizisten in seinem Schalterhäuschen gegenüberstand. Sein Blick schwenkte mechanisch vom Pass zu mir und wieder zum Pass. Nie habe ich deutlicher gespürt, was ein Staats­apparat sein kann, als in diesem eingeübt seelenlosen Blick. Und so ist es wohl: Wer einer Situation ihre Menschlichkeit nehmen will, der muss den Blick verbieten, denn mit dem Blick entsteht das Miteinander.

Während die Liebe auch dann eine Liebe ist, wenn sie nicht erwidert wird, wenn sie einseitig ist, gehört zur Freundschaft die Gegenseitigkeit. Liebe strömt vom einen zum anderen, des­halb gilt das Herz, das Organ des Strömens, als das Organ der Liebe. Freundschaft dagegen ist der gemeinsame Raum der Zuneigung – wie der menschliche Blick, der sich auch erst dann entfalten kann, wenn er erwidert wird.

aus:  a tempo. Das Lebensmagazin. September 2014. Verlage Freies Geistesleben/Urachhaus

Rundbrief Familienstellen 31.12. 2014

Mal wieder zum Aufstellen zu gehen könnte ein guter Vorsatz für das neue Jahr sein, aber nicht deshalb verschicken wir unseren Terminplan für das erste Quartal 2015 ausgerechnet heute. Es ist einfach, weil die Zeit drängt. Kurz vor den jeweiligen Terminen werden wir uns noch mal mit einer Erinnerung melden.

Wo wir schon dabei sind, bedanken wir uns gern für die verschiedenen Weihnachts- & Neu­jahrsgrüße, die wir (mit oder ohne Musik) bekommen haben und wünschen unsererseits dir ein gutes und frohes neues Jahr.

Deine

Ursula & Thomas

Termine finden Sie im Terminkalender

 

Rundbrief Familienstellen 11 2014

Vor kurzem erzählte uns eine Kollegin von einer wissenschaftlichen Untersuchung an einer deutschen Universität zur Wirksamkeit von Aufstellungen. Bei so etwas winke ich meistens gleich ab. Das interessiert mich nicht wirklich. Aufstellungen wirken so unterschiedlich.

Die Effekte einer Aufstellung haben mit den ursprünglich genannten Themen oft nicht erkennbar zu tun – was logisch ist, wenn man davon ausgeht, dass wir es bei Aufstellungen mit Verstrickungen zu tun haben, dass wir also nicht an den vordergründig bewussten, sondern an verborgenen Themen arbeiten. Wir können manchmal „das Problem“ und „die Lösung“ nicht zusammenbringen, und entsprechend bleiben die Effekte oft verborgen.
Oder die Wirkungen treten bei Personen auf, mit denen wir systemisch verbunden sind, aber nicht in ständigem Kontakt, so dass wir die Effekte bei diesen Personen auch nicht bemerken oder nicht mit der Aufstellung in Zusammenhang bringen.Vor allem jedoch ist das große Wunder der Aufstellungsarbeit, dass wir als Stellvertreter unseren geistigen Horizont so gründlich erweitern können. Wer auf die „Heilung“ starrt, wenn man das so nennen will, verpasst das Wesentliche. Darum mögen wir den feststellbaren heilsamen Wirkungen auch keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken.

Obwohl wir also in Bezug auf das Aufstellen von der Wissenschaft nicht viel erwarten, brauchen Menschen, die im Wissenschaftsbetrieb arbeiten, einigen Mut, das Thema der Aufstellungsarbeit überhaupt anzufassen. Denn viele halten dieses obskure Verfahren einer wissenschaftlichen Prüfung gar nicht für würdig. Und da wird die Geschichte, die uns unsere Kollegin erzählte, witzig und unterhaltsam. Gegen diese Untersuchung gab es nämlich prompt Anfeindungen. Die Ergebnisse seien nicht wissenschaftlich valide, weil sie nicht auf einem Doppelblind-Versuch basierten. Was heißt das?

In einem Doppelblind-Versuch werden zum Beispiel Medikamente geprüft: Ärzte geben Patienten ein Mittel, genaugenommen zwei, je nach Versuchs-Gruppe: Das eigentliche Mittel, das geprüft werden soll, oder ein Placebo, das nichts enthält außer dem Wunsch, dass es helfen möge. Der Patient weiß aber nicht, was von beidem er bekommt, er nimmt es „blind“. So kann seine Erwartungshaltung das Ergebnis nicht beeinflussen. Doppelt blind ist der Versuch, wenn auch der Arzt nicht weiß, ob nun die Tablette A oder B die mit dem Wirkstoff ist. Das weiß nur die Versuchs-Leitung. Also auch die Erwartungshaltung des Arztes kann nicht das eine Mittel vor dem anderen begünstigen.

Auf das Familienstellen übertragen hieße das: Der Falleinbringer nimmt an einer Veranstaltung teil, von der er nicht wissen kann, ob es eine Aufstellung ist. Und auch der Kursleiter müsste irgend etwas tun, von dem er nicht weiß, ob es eine Aufstellung ist oder nicht. Die schlechte Nachricht ist: Das geht nicht. Die gute Nachricht ist: Niemand braucht das.

Einer unserer Teilnehmer hat uns kürzlich einen Brief geschrieben, der zwar keine wissenschaftlichen Schlüsse zulässt, aber doch hoch interessant ist. Es geht dabei um die Wirkungen, die es haben kann, wenn man als Stellvertreter an einer Aufstellung teilnimmt: „Bei meiner letzten Teilnahme Mitte diesen Jahres war ich ‘nur’ Stellvertreter gewesen. Das hat bei mir selbst viel bewegt, fast schon mehr als von mir gewünscht. An vier Aufstellungen war ich beteiligt, womöglich die eine oder andere zuviel. Einige Wochen hatte ich auf jeden Fall ganz schön zu knabbern gehabt. Ich hatte harte Seelenarbeit zu leisten, und mein Leben war kein wirklicher Genuß. Den Lohn habe ich danach einfahren können!

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mit einer Frau in der Rolle des Familien-Ersatz-papas zusammen wohnen können, mit 12-jährigem Sohn und zwei Hunden in einem großen Haus. Dazu gemeinsame Reisen auf die Balearen, eine Nordseeinsel, einem Aufenthalt in München und eine tolle Einbindung in Freundschafts- und Verwandschaftskreis und Nachbar-schaft.
Was für ein sensationeller Entwicklungsfortschritt! Schier unglaublich, es mit meiner Vorgeschichte der frühen schweren Traumatisierung nun im Alter von fast 50 Jahren endlich auch dahin geschafft zu haben. Vielen, vielen Dank dafür euch und eurem Arbeitsrahmen, der mir sehr geholfen hat, den Weg nun auch dahin zu öffnen.
Leider ist das partnerschaftliche ‘Experiment’ mit dieser Frau trotz mancher Stimmigkeiten nach 3 1/2 Monaten nun doch früher als erhofft zum Ende gekommen. Aber das hat und wird mich trotzdem immens stärken. Ich habe die Trennung schon einigermaßen schnell recht gut bearbeiten können, incl. der notwendigen Lehren aus dieser Zeit. Und ich freue mich sehr darauf, mich hoffentlich so bald wie möglich ein weiteres Mal mit vielleicht noch erfolgreicherer, dauerhafterer Bindung wieder in einem ähnlichen familiären Rahmen einlassen zu können.
Sehr gerne komme ich bei nächster Gelegenheit wieder bei euch vorbei, sollte ich noch mehr Bedarf an persönlicher Entwicklung bzw. der Entwirrung spezieller Knoten haben.
Das freut uns natürlich, und wir wünschen dir, dass es gut weiter geht. (Das Schöne an Placebos ist: Wünschen ist wirksam!) Und wann immer dir danach ist, mal wieder zum Aufstellen zu kommen – gern auch „nur“ als Stellvertreter, du bist herzlich willkommen.

Liebe Grüße,

Thomas und Ursula

Rundbrief Familienstellen Oktober 2014

Vor etwa 15 Jahren hat Bert Hellinger auf die Frage, ob ein Paar gemeinsam Aufstellungen anleiten könne, sehr zurückhaltend geantwortet. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen (die ich längst vergessen habe) würde er zuraten; grundsätzlich eher nicht.

Ursula und ich tun das seit Jahren und immer besser, dass wir gemeinsam Aufstellungen leiten. Meistens so, dass wir uns in der Anleiter-Rolle abwechseln, auch mitten in der Aufstellung. Doch es ist auch schon vorgekommen, bei größeren Aufstellungen mit vielen Stellvertretern und mehreren „Brennpunkten“ in der Aufstellung, dass wir beide gleichzeitig als Anleiter da hinein gegangen sind.

Was das möglich macht, ist, dass wir praktisch täglich in der Hellinger-Arbeit geistig unterwegs sind, jeder für sich und beide im Austausch. Wir haben ein gleiches Verständnis davon, worauf es beim Familienstellen ankommt, und wir kennen voneinander unsere Stärken und Schwächen und ergänzen uns in aller Regel wunderbar.

Dass das nicht selbstverständlich ist, ist uns sehr bewusst, und auf diesem Wege möchte ich Ursula ein Danke dafür sagen.

Kann man auch für Mitglieder der eigenen Familie aufstellen? Auch das ist eine spannende Frage für Aufsteller. Es geht. Wir haben es schon oft gemacht, allerdings selten in Anwesenheit unserer Verwandten, meistens nur für sie.

Insofern war es etwas Besonderes und auch Beglückendes, dass bei unserem letzten Aufstellungstag meine große Schwester mit ihrer Tochter und deren beiden Töchtern da war und wir für die Jüngeren aufgestellt haben.

Wenn es nicht meine Verwandten gewesen wären, bliebe die wiederkehrende Frage, ob es geht, dass eine Mutter gemeinsam mit ihrer Tochter zum Aufstellen kommt. Klar geht das!

Allerdings: Wenn Themen der Kinder aufgestellt werden, egal wie alt diese Kinder sind, ist es völlig in Ordnung, wenn die Eltern dabei sind. Umgekehrt sollten Eltern ihre Themen nicht vor ihren Kindern ausbreiten. Jedenfalls nicht, wenn es sich um eigene persönliche Themen oder gar die Paarbeziehung der Eltern selbst betrifft. Da dürfen die Kinder nicht hinein gezogen werden. Das tut niemandem gut.

Auch für diese Erinnerung: Danke, Ursula. Ich selbst neige manchmal dazu, die so genannte Ordnung der Rangfolge zu vergessen.

Herzliche Grüße,

Thomas